Kolumba
Kolumbastraße 4
D-50667 Köln
tel +49 (0)221 9331930
fax +49 (0)221 93319333


»Lieber Opernfreund-Freund, am Wochenende durfte ich einem besonderen Opernabend beiwohnen. Am vergangenen Samstag wurden im Kölner Kolumba-Museum Leoš Janáčeks Liederzyklus „Tagebuch eines Verschollenen“ sowie Gustav Holsts Kammeroper „Sāvitri“ gezeigt. Das Kolumba ist das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, vom Schweizer Architekten Peter Zumthor auf den Ruinen der Kirche St. Kolumba errichtet, ein Ort an dem neben Kunst mit christlich-religiösem Hintergrund von der Spätantike bis in die Jetztzeit in wechselnden Ausstellung moderne Werke und Installationen gezeigt werden. Das Konzept der Symbiose, das dieses Museum auszeichnet, beschreibt auch am besten die neueste Produktion der Kölner Oper: Musiktheater trifft Museumsraum, Musikhochschule trifft Gürzenichorchester, Opernstudio trifft Ensemble und Janáček trifft Holst.
Der Abend beginnt mit Janáčeks aus 22 Liedern bestehendem Zyklus „Tagebuch eines Verschollenen“ für Tenor, Alt und drei Frauenstimmen, der die Liebesgeschichte des Bauern Janek mit der dunklen, exotischen Zigeunerin Zefka erzählt. Die Gesänge beschreiben aus der Sicht von Jan die erste Begegnung, die Faszination und aufkeimende Liebe, die tägliche Arbeit Jans, das Zweifeln und seinen inneren Kampf, ob er das Elternhaus verlassen soll, bis hin zum glücklichen Aufbruch der beiden in eine gemeinsame Zukunft. Die musikalische Linienführung beschreibt Jans innere Welt und erinnert nicht selten an Janáčeks „Jenůfa“. Folgerichtig ist auch Janek der Hauptakteur, seine Geliebte sowie drei Frauenstimmen aus dem Off singen nur vereinzelt. John Heuzenröder gestaltet Jan farbenreich, intensiv und einfühlsam und überzeugt auch darstellerisch – eine wahrhaft beachtliche Leistung, Adriana Basdias Gamboa als Zigeunerin ist schlicht als betörend zu beschreiben, Justyna Samborska, Judith Thielsen und Maarja Purga verstärken durch ihren Gesang diese Stimmung. Rainer Mühlbach am Klavier erweist sich als sensibler Liedbegleiter. Regisseurin Béatrice Lachaussée hat für diesen ersten Teil des Abends den offenen Raum über den Ruinen der spätgotischen St.Kolumba-Kirche gewählt. Janek sortiert Steine, ordnet gleichsam sein Leben. Zefka erscheint als Schatten, bekommt so etwas Unwirkliches, bis sie wirklich Teil von Jans Leben wird. Der hohe Raum schafft eine faszinierende Atmosphäre, akustisch ist jedoch der Hall nicht unproblematisch, die deutschen Texte werden trotz Heuzenröders hervorragender Diktion oft unverständlich, sein Spiel und Janáčeks Musik erzählen die Geschichte aber fast von alleine. Dass mir die stimmungsunterstützenden Lichtwechsel von Andreas Grüter mitunter ein wenig grob vorkommen, ist wirklich Jammern auf höchstem Niveau.
Nach diesem faszinierenden Einstieg folgen die Zuschauer einem Sologeiger der Kölner Musikhochschule in die oberen Ausstellungsräume des Kolumba, haben die Möglichkeit, die Exponate zu betrachten, verlieren wegen der magnetischen Wirkung der Musik jedoch die Gruppe nicht aus den Augen, bis sie im 2. Obergeschoss des Museums angelangt sind. Nicht zuletzt diese an eine Prozession erinnernde Begehung der Museumsräume macht aus dem Abend ein wunderbares Gesamtkunstwerk.
Raum 13 wird derzeit beherrscht von Bernhard Leitners „Serpentina“, einer raumgreifenden Skulptur aus PVC-Schläuchen. An der Wand lehnt wie zufällig der „Wanderer“ von Michael Buthe. Beide Kunstwerke werden von der jungen Französin und ihrer Austatterin Nele Ellegiers kongenial in die Umsetzung von Holsts Kammeroper integriert. Diese erzählt die Geschichte von Sāvitri, die dem Tod das Leben ihres sterbenden Mannes abringt, indem sie ihn davon überzeugt, dass sie selbst nur mit ihm zusammen komplett ist. Ellegiers kleidet den Tod in ein surreal anmutendes Gewand, das geschwärzte Gesicht und das stoische Umherschreiten sind ebenso furchteinflößend wie Luke Strokers Bass. Der junge Australier ist Mitglied des Opernstudios und liefert am Premierenabend eine glänzend-bedrohliche Leistung ab. Taejun Sun verkörpert den eigentlich dem Tod geweihten Satyavān mit gefühlvollem Tenor und stammt ebenso aus der Nachwuchsschmieder der Kölner Oper. Da war einst auch Adriana Basdias Gamboa Mitglied, ist längst eine feste Größe im Kölner Ensemble und überzeugt auch hier mit warmem, facettenreichen Mezzo, verkörpert mit eindrucksvollem Spiel die liebende Titelheldin. Dongmin Lee, Justyna Samborska, Judith Thielsen, Maarja Purga und Keith Bernard Stonum schaffen aus dem Off sphärische Klänge, die an Holsts bekanntestes Werk „Die Planeten“ erinnern. Rainer Mühlbach leitet das Kammerorchester, das aus Mitgliedern des Gürzenichorchesters und des Alinde Quartetts aus Studierenden der Kölner Musikhochschule besteht, mit großem musikalischen Gespür und legt so die farbenreiche Partitur offen. Im besonderen Raum entsteht auch hier Hall, allerdings verstärkt der – da weniger aufdringlich – die Intensität der Geschichte noch, schafft gewissermaßen eine zusätzliche Dimension.
Das Publikum ist begeistert vom Erlebten, fast beseelt. Die Oper im Museum überwindet vielleicht Barrieren, macht den Museumsgänger neugierig auf die Musik und den Operngänger neugierig auf die Exponate – ein Konzept, das vielleicht auch nach der Wiederöffnung des Opernhauses im November fortgesetzt wird. Wünschen würde ich es mir, waren doch am Samstag – wie Opernintendantin Birgit Meyer nach der Vorstellung so treffend bemerkte – „die schönen Künste aufs Beste vereint…“ (Jochen Rüth, Die schönen Künste aufs beste vereint, in: Der Opernfreund, 1.6.2015)

»Die Kölner Oper ist den Wechsel von Ausweichquartieren gewohnt, dürfte am 7. November ihre gegenwärtige Präsenz in der akustisch nicht immer tauglichen „Oper am Dom“ aber beenden können, so die Sanierung des „alten“ Hauses am Offenbach-Platz wie geplant abgeschlossen ist. Mitunter hatte man aber fremde Spielstätten für bestimmte Stücke auch ausgezielt gesucht: das Oberlandesgericht für „Titus“, die Trinitatiskirche für Brittens „Turn of he Screw“ und Wolfgang Rihms „Jakob Lenz“ und jetzt Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln. In diesem mehrstöckigen Riesengebäude, wo historische und moderne Architektur miteinander verzahnt sind, wird gerade eine neue Ausstellung „playing by heart“ gezeigt, welche als Gegenbilder des Schmerzes „Freude und Hoffnung“ Raum geben möchte.
Diese Begriffe sind natürlich extrem weitläufig, man könnte sie auf viele Objekte beziehen. Ob Leos Janáceks „Tagebuch eines Verschollenen“ und Gustav Holsts „Savitri“ zwingend zu ihnen gehören, kann man diskutieren. Immerhin führte die Wahl dieser beiden Werke zu einem Kontakt der Oper mit dem Kolumba-Museum, welches seine Räume erklärtermaßen gerne für einen unorthodoxen Musiktheaterabend zur Verfügung stellte. Für Janácek wählte man den Ausgrabungsraum, wo historische Restbauten eine Art von Trümmerlandschaft bilden. Hinzu gefügt sind moderne Stützsäulen in Raumhöhe und eine begehbare Holzbrücke für Besucher. Holst findet in einem oberen Ausstallungsraum statt, in welchem Bernhard Leitners „Installation „Serpentinata“ von 2004/14 zu sehen ist, eine schlangenartig gewundene Schlauchskulptur, aus deren kleinen Lautsprechern es fortwährend tönt und spricht (natürlich nicht während der Aufführung).
Obwohl beim „Tagebuch eines Verschollenen“ ein Mezzo-Auftritt stattfindet und aus dem Hintergrund verschiedentlich ein Frauentrio ertönt, handelt es sich letztlich um einen solo-tenoralen Liederzyklus. Die ihm zugrunde liegenden, zunächst als anonym geltenden Gedichte erschienen 1916 in einer mährischen Zeitschrift. Sie erzählen von dem „anständigen“ Bauernburschen Janek, der sich von der erotisch faszinierenden Zigeunerin Zefka in die Ferne locken lässt (man assoziiert Bizets “Carmen“). Dass die Story Janácek ansprach, hatte vielleicht auch mit seiner Liebe zu Kamila Stösslova zu tun. Seiner bezwingenden Vertonung hört man die Nähe zu „Jenufa“ an.
Obwohl der Komponist selber an eine Bühnenaufführung dachte, ruft die weitgehend monologische Struktur des Werkes nicht unbedingt danach. Aber es hat verschiedentlich Aufführungen in jüngerer Zeit gegeben, zuletzt in der Werkstatt der Berliner Staatsoper, wo man Janácek mit Francis Poulencs „Voix humaine“ koppelte. Jeweils Reflexionen über eine Liebe, die in Einsamkeit verglüht. In Köln hält man sich an das Motto der Kolumba-Ausstallung, wobei die Begründung allerdings kluger Erläuterungsworte bedarf. Bei „Savitri“ wirkt der Bezug unmittelbarer. Der schönen Protagonistin (in der Mythologie mit göttlichem Hintergrund) gelingt es mit einem intellektuellen Trick, ihren Gatten, den Holzfäller Satyavan, dem (in der Oper personifizierten) Tod zu entreißen. Dem Paar winkt eine neue glückliche Zukunft. Eine vorjährige Inszenierung in Coburg ergänzte „Savitri“ sinnfällig mit Glucks „Orfeo“.
Ihre Handlung hat Holst in eine emotional vibrierende, romantisch überhöhende Musik gekleidet, die zu der von Janácek in einem reizvollen Kontrast steht (Uraufführung 1916). Die Leitung beider Werke hat in Köln Rainer Mühlbach, vor allem zuständig für das Opernstudio (aus welchem sich ein Teil der Mitwirkenden rekrutiert) und der Kinderoper. Bei Janácek ist er als schon oft bewährter Klavierbegleiter im Einsatz, bei Holst leitet er umsichtig ein Kammerorchester, welches aus Mitgliedern des Gürzenich-Orchesters und Studierenden der Musikhochschule besteht.
Selbst wenn man den großen Nachhall der Räume in Rechnung stellt, welcher die Stimmen wie auf Wolken trägt, lässt sich über die Sänger des Abends (bis hin zu den Lontano-„Choristen“) verlässlich nur das Allerbeste sagen. John Heuzenroeder hat sich bislang wohl noch nie so expressiv lyrisch ausdrücken können wie jetzt in Janáceks „Tagebuch“. Er meistert seine einigermaßen heikle Partie mühelos bis hin zu extremen Spitzentönen. Bei Adriana Bastidas Gamboas Stimme fasziniert sofort ein erotischer Grundton, welcher auch bei der kurzen Janácek-Partie Wirkung macht (man vergleiche diesen Eindruck mit der Youtube-Aufzeichnung von de Fallas „El amor brujo“ beim Symfonieorkest Vlaandern aus dem Vorjahr). In Holsts „Savitri“ erreicht das Organ der jungen Kolumbianerin fast schon hochdramatische Dimensionen. Taejun Suns lyrischer, gleichwohl prachtvoll ausladender und maskuliner Tenor (Satyavan) begeistert nicht zum ersten Mal; von ihm gibt es gleich mehrere informative Youtube- Beispiele. Dritter im Bunde des „Savitri“-Ensembles ist Luke Stoker (Tod), dessen kraftvoller Bass nur so durch den Raum flutet. Für alle Sänger hochbrandender Schlussbeifall.
Für die Regie zeichnet Béatrice Lachaussée verantwortlich, deren „Jakob Lenz“ mit viel Lob und Auszeichnungen bedacht wurde. Dass sie mit den Stücken von Janácek und Holst („Savitri“ inszenierte sie in kleinem Rahmen schon einmal) vertraut ist, wurde unmissverständlich bereits bei einer Pressekonferenz zwei Tage zuvor evident. Ihr szenisches Konzept kommt jedoch über sportive Anweisungen für John Heuzenröder („Tagebuch“) und oratorisches Schreiten bei Holst kaum hinaus. Ausstatterin Nele Ellegiers hat den Ausgrabungsraum mit einer Treppe ergänzt, welche zu einem erhöhten Raum führt, hinter dessen Vorhang die Regisseurin Schattenspiele veranstaltet, welche das Auge immerhin zeitweilig beschäftigen. Bei „Savitri“ ist neben „Serpentinata“ natürlich kaum Platz für anderes Dekor; das nüchterne Spielpodest wirkt also angemessen. Dafür sind die exotischen Kostüme nachhaltig prägend. Der Treppenaufstieg von Janacek zu Holst wird übrigens von einem Geiger angeführt, welcher ein Thema aus „Savitri“ intoniert. Dieser Ortswechsel kommt fast einem sakralen Akt gleich.
Die Publikumsreaktionen bei dieser (in toto wirklich nur gut zu heißenden) Produktion sollte die Kölner Oper auch in den Folgevorstellungen genau bilanzieren. Wie es scheint, beseitigt der ungewöhnliche Spielort nicht wenig das, was gemeinhin als Schwellenangst bezeichnet wird. Die unorthodoxen Räumlichkeiten laden somit auch ein Publikum ein, welches mit Oper sonst vielleicht nicht viel am Hut hart. Auch wenn am Offenbach-Platz demnächst wieder alles im Schuss ist, sollte man (ergänzend zur Kinderoper) alternative Spielorte immer wieder mal anvisieren.« (Christoph Zimmermann, Glückliche Eroberung eines neuen Spielraumes, in: Der Opernfreund, 31.5.2015)
 
www.kolumba.de

KOLUMBA :: Kritiken :: Der Opernfreund

»Lieber Opernfreund-Freund, am Wochenende durfte ich einem besonderen Opernabend beiwohnen. Am vergangenen Samstag wurden im Kölner Kolumba-Museum Leoš Janáčeks Liederzyklus „Tagebuch eines Verschollenen“ sowie Gustav Holsts Kammeroper „Sāvitri“ gezeigt. Das Kolumba ist das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, vom Schweizer Architekten Peter Zumthor auf den Ruinen der Kirche St. Kolumba errichtet, ein Ort an dem neben Kunst mit christlich-religiösem Hintergrund von der Spätantike bis in die Jetztzeit in wechselnden Ausstellung moderne Werke und Installationen gezeigt werden. Das Konzept der Symbiose, das dieses Museum auszeichnet, beschreibt auch am besten die neueste Produktion der Kölner Oper: Musiktheater trifft Museumsraum, Musikhochschule trifft Gürzenichorchester, Opernstudio trifft Ensemble und Janáček trifft Holst.
Der Abend beginnt mit Janáčeks aus 22 Liedern bestehendem Zyklus „Tagebuch eines Verschollenen“ für Tenor, Alt und drei Frauenstimmen, der die Liebesgeschichte des Bauern Janek mit der dunklen, exotischen Zigeunerin Zefka erzählt. Die Gesänge beschreiben aus der Sicht von Jan die erste Begegnung, die Faszination und aufkeimende Liebe, die tägliche Arbeit Jans, das Zweifeln und seinen inneren Kampf, ob er das Elternhaus verlassen soll, bis hin zum glücklichen Aufbruch der beiden in eine gemeinsame Zukunft. Die musikalische Linienführung beschreibt Jans innere Welt und erinnert nicht selten an Janáčeks „Jenůfa“. Folgerichtig ist auch Janek der Hauptakteur, seine Geliebte sowie drei Frauenstimmen aus dem Off singen nur vereinzelt. John Heuzenröder gestaltet Jan farbenreich, intensiv und einfühlsam und überzeugt auch darstellerisch – eine wahrhaft beachtliche Leistung, Adriana Basdias Gamboa als Zigeunerin ist schlicht als betörend zu beschreiben, Justyna Samborska, Judith Thielsen und Maarja Purga verstärken durch ihren Gesang diese Stimmung. Rainer Mühlbach am Klavier erweist sich als sensibler Liedbegleiter. Regisseurin Béatrice Lachaussée hat für diesen ersten Teil des Abends den offenen Raum über den Ruinen der spätgotischen St.Kolumba-Kirche gewählt. Janek sortiert Steine, ordnet gleichsam sein Leben. Zefka erscheint als Schatten, bekommt so etwas Unwirkliches, bis sie wirklich Teil von Jans Leben wird. Der hohe Raum schafft eine faszinierende Atmosphäre, akustisch ist jedoch der Hall nicht unproblematisch, die deutschen Texte werden trotz Heuzenröders hervorragender Diktion oft unverständlich, sein Spiel und Janáčeks Musik erzählen die Geschichte aber fast von alleine. Dass mir die stimmungsunterstützenden Lichtwechsel von Andreas Grüter mitunter ein wenig grob vorkommen, ist wirklich Jammern auf höchstem Niveau.
Nach diesem faszinierenden Einstieg folgen die Zuschauer einem Sologeiger der Kölner Musikhochschule in die oberen Ausstellungsräume des Kolumba, haben die Möglichkeit, die Exponate zu betrachten, verlieren wegen der magnetischen Wirkung der Musik jedoch die Gruppe nicht aus den Augen, bis sie im 2. Obergeschoss des Museums angelangt sind. Nicht zuletzt diese an eine Prozession erinnernde Begehung der Museumsräume macht aus dem Abend ein wunderbares Gesamtkunstwerk.
Raum 13 wird derzeit beherrscht von Bernhard Leitners „Serpentina“, einer raumgreifenden Skulptur aus PVC-Schläuchen. An der Wand lehnt wie zufällig der „Wanderer“ von Michael Buthe. Beide Kunstwerke werden von der jungen Französin und ihrer Austatterin Nele Ellegiers kongenial in die Umsetzung von Holsts Kammeroper integriert. Diese erzählt die Geschichte von Sāvitri, die dem Tod das Leben ihres sterbenden Mannes abringt, indem sie ihn davon überzeugt, dass sie selbst nur mit ihm zusammen komplett ist. Ellegiers kleidet den Tod in ein surreal anmutendes Gewand, das geschwärzte Gesicht und das stoische Umherschreiten sind ebenso furchteinflößend wie Luke Strokers Bass. Der junge Australier ist Mitglied des Opernstudios und liefert am Premierenabend eine glänzend-bedrohliche Leistung ab. Taejun Sun verkörpert den eigentlich dem Tod geweihten Satyavān mit gefühlvollem Tenor und stammt ebenso aus der Nachwuchsschmieder der Kölner Oper. Da war einst auch Adriana Basdias Gamboa Mitglied, ist längst eine feste Größe im Kölner Ensemble und überzeugt auch hier mit warmem, facettenreichen Mezzo, verkörpert mit eindrucksvollem Spiel die liebende Titelheldin. Dongmin Lee, Justyna Samborska, Judith Thielsen, Maarja Purga und Keith Bernard Stonum schaffen aus dem Off sphärische Klänge, die an Holsts bekanntestes Werk „Die Planeten“ erinnern. Rainer Mühlbach leitet das Kammerorchester, das aus Mitgliedern des Gürzenichorchesters und des Alinde Quartetts aus Studierenden der Kölner Musikhochschule besteht, mit großem musikalischen Gespür und legt so die farbenreiche Partitur offen. Im besonderen Raum entsteht auch hier Hall, allerdings verstärkt der – da weniger aufdringlich – die Intensität der Geschichte noch, schafft gewissermaßen eine zusätzliche Dimension.
Das Publikum ist begeistert vom Erlebten, fast beseelt. Die Oper im Museum überwindet vielleicht Barrieren, macht den Museumsgänger neugierig auf die Musik und den Operngänger neugierig auf die Exponate – ein Konzept, das vielleicht auch nach der Wiederöffnung des Opernhauses im November fortgesetzt wird. Wünschen würde ich es mir, waren doch am Samstag – wie Opernintendantin Birgit Meyer nach der Vorstellung so treffend bemerkte – „die schönen Künste aufs Beste vereint…“ (Jochen Rüth, Die schönen Künste aufs beste vereint, in: Der Opernfreund, 1.6.2015)

»Die Kölner Oper ist den Wechsel von Ausweichquartieren gewohnt, dürfte am 7. November ihre gegenwärtige Präsenz in der akustisch nicht immer tauglichen „Oper am Dom“ aber beenden können, so die Sanierung des „alten“ Hauses am Offenbach-Platz wie geplant abgeschlossen ist. Mitunter hatte man aber fremde Spielstätten für bestimmte Stücke auch ausgezielt gesucht: das Oberlandesgericht für „Titus“, die Trinitatiskirche für Brittens „Turn of he Screw“ und Wolfgang Rihms „Jakob Lenz“ und jetzt Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln. In diesem mehrstöckigen Riesengebäude, wo historische und moderne Architektur miteinander verzahnt sind, wird gerade eine neue Ausstellung „playing by heart“ gezeigt, welche als Gegenbilder des Schmerzes „Freude und Hoffnung“ Raum geben möchte.
Diese Begriffe sind natürlich extrem weitläufig, man könnte sie auf viele Objekte beziehen. Ob Leos Janáceks „Tagebuch eines Verschollenen“ und Gustav Holsts „Savitri“ zwingend zu ihnen gehören, kann man diskutieren. Immerhin führte die Wahl dieser beiden Werke zu einem Kontakt der Oper mit dem Kolumba-Museum, welches seine Räume erklärtermaßen gerne für einen unorthodoxen Musiktheaterabend zur Verfügung stellte. Für Janácek wählte man den Ausgrabungsraum, wo historische Restbauten eine Art von Trümmerlandschaft bilden. Hinzu gefügt sind moderne Stützsäulen in Raumhöhe und eine begehbare Holzbrücke für Besucher. Holst findet in einem oberen Ausstallungsraum statt, in welchem Bernhard Leitners „Installation „Serpentinata“ von 2004/14 zu sehen ist, eine schlangenartig gewundene Schlauchskulptur, aus deren kleinen Lautsprechern es fortwährend tönt und spricht (natürlich nicht während der Aufführung).
Obwohl beim „Tagebuch eines Verschollenen“ ein Mezzo-Auftritt stattfindet und aus dem Hintergrund verschiedentlich ein Frauentrio ertönt, handelt es sich letztlich um einen solo-tenoralen Liederzyklus. Die ihm zugrunde liegenden, zunächst als anonym geltenden Gedichte erschienen 1916 in einer mährischen Zeitschrift. Sie erzählen von dem „anständigen“ Bauernburschen Janek, der sich von der erotisch faszinierenden Zigeunerin Zefka in die Ferne locken lässt (man assoziiert Bizets “Carmen“). Dass die Story Janácek ansprach, hatte vielleicht auch mit seiner Liebe zu Kamila Stösslova zu tun. Seiner bezwingenden Vertonung hört man die Nähe zu „Jenufa“ an.
Obwohl der Komponist selber an eine Bühnenaufführung dachte, ruft die weitgehend monologische Struktur des Werkes nicht unbedingt danach. Aber es hat verschiedentlich Aufführungen in jüngerer Zeit gegeben, zuletzt in der Werkstatt der Berliner Staatsoper, wo man Janácek mit Francis Poulencs „Voix humaine“ koppelte. Jeweils Reflexionen über eine Liebe, die in Einsamkeit verglüht. In Köln hält man sich an das Motto der Kolumba-Ausstallung, wobei die Begründung allerdings kluger Erläuterungsworte bedarf. Bei „Savitri“ wirkt der Bezug unmittelbarer. Der schönen Protagonistin (in der Mythologie mit göttlichem Hintergrund) gelingt es mit einem intellektuellen Trick, ihren Gatten, den Holzfäller Satyavan, dem (in der Oper personifizierten) Tod zu entreißen. Dem Paar winkt eine neue glückliche Zukunft. Eine vorjährige Inszenierung in Coburg ergänzte „Savitri“ sinnfällig mit Glucks „Orfeo“.
Ihre Handlung hat Holst in eine emotional vibrierende, romantisch überhöhende Musik gekleidet, die zu der von Janácek in einem reizvollen Kontrast steht (Uraufführung 1916). Die Leitung beider Werke hat in Köln Rainer Mühlbach, vor allem zuständig für das Opernstudio (aus welchem sich ein Teil der Mitwirkenden rekrutiert) und der Kinderoper. Bei Janácek ist er als schon oft bewährter Klavierbegleiter im Einsatz, bei Holst leitet er umsichtig ein Kammerorchester, welches aus Mitgliedern des Gürzenich-Orchesters und Studierenden der Musikhochschule besteht.
Selbst wenn man den großen Nachhall der Räume in Rechnung stellt, welcher die Stimmen wie auf Wolken trägt, lässt sich über die Sänger des Abends (bis hin zu den Lontano-„Choristen“) verlässlich nur das Allerbeste sagen. John Heuzenroeder hat sich bislang wohl noch nie so expressiv lyrisch ausdrücken können wie jetzt in Janáceks „Tagebuch“. Er meistert seine einigermaßen heikle Partie mühelos bis hin zu extremen Spitzentönen. Bei Adriana Bastidas Gamboas Stimme fasziniert sofort ein erotischer Grundton, welcher auch bei der kurzen Janácek-Partie Wirkung macht (man vergleiche diesen Eindruck mit der Youtube-Aufzeichnung von de Fallas „El amor brujo“ beim Symfonieorkest Vlaandern aus dem Vorjahr). In Holsts „Savitri“ erreicht das Organ der jungen Kolumbianerin fast schon hochdramatische Dimensionen. Taejun Suns lyrischer, gleichwohl prachtvoll ausladender und maskuliner Tenor (Satyavan) begeistert nicht zum ersten Mal; von ihm gibt es gleich mehrere informative Youtube- Beispiele. Dritter im Bunde des „Savitri“-Ensembles ist Luke Stoker (Tod), dessen kraftvoller Bass nur so durch den Raum flutet. Für alle Sänger hochbrandender Schlussbeifall.
Für die Regie zeichnet Béatrice Lachaussée verantwortlich, deren „Jakob Lenz“ mit viel Lob und Auszeichnungen bedacht wurde. Dass sie mit den Stücken von Janácek und Holst („Savitri“ inszenierte sie in kleinem Rahmen schon einmal) vertraut ist, wurde unmissverständlich bereits bei einer Pressekonferenz zwei Tage zuvor evident. Ihr szenisches Konzept kommt jedoch über sportive Anweisungen für John Heuzenröder („Tagebuch“) und oratorisches Schreiten bei Holst kaum hinaus. Ausstatterin Nele Ellegiers hat den Ausgrabungsraum mit einer Treppe ergänzt, welche zu einem erhöhten Raum führt, hinter dessen Vorhang die Regisseurin Schattenspiele veranstaltet, welche das Auge immerhin zeitweilig beschäftigen. Bei „Savitri“ ist neben „Serpentinata“ natürlich kaum Platz für anderes Dekor; das nüchterne Spielpodest wirkt also angemessen. Dafür sind die exotischen Kostüme nachhaltig prägend. Der Treppenaufstieg von Janacek zu Holst wird übrigens von einem Geiger angeführt, welcher ein Thema aus „Savitri“ intoniert. Dieser Ortswechsel kommt fast einem sakralen Akt gleich.
Die Publikumsreaktionen bei dieser (in toto wirklich nur gut zu heißenden) Produktion sollte die Kölner Oper auch in den Folgevorstellungen genau bilanzieren. Wie es scheint, beseitigt der ungewöhnliche Spielort nicht wenig das, was gemeinhin als Schwellenangst bezeichnet wird. Die unorthodoxen Räumlichkeiten laden somit auch ein Publikum ein, welches mit Oper sonst vielleicht nicht viel am Hut hart. Auch wenn am Offenbach-Platz demnächst wieder alles im Schuss ist, sollte man (ergänzend zur Kinderoper) alternative Spielorte immer wieder mal anvisieren.« (Christoph Zimmermann, Glückliche Eroberung eines neuen Spielraumes, in: Der Opernfreund, 31.5.2015)